Life happens! Das Leben in Zeiten der Corona-Krise.
Schon immer war das Leben geprägt von Veränderungen. Im Zuge des Deutschunterrichts im Homeschooling sollten die Schülerinnen der 6b ihre Großeltern zu ihrer Kindheit und Jugend befragen und herausfinden, welche Lebensphasen, Geschichten und Krisen sie geprägt haben.
Lilly Egelhofer (6b) hat eine Analogie zwischen der heutigen Zeit und der Jugend ihres Großvaters gefunden und dies in Form einer wundervollen Geschichte zu Papier gebracht. Denn schon John Lennon wusste: „Life is what happens to you while you are busy making other plans.”
Nachdenken über das Coronavirus, meinen Opa und Lebenspläne
Die ganze Welt steht wegen des Coronavirus auf dem Kopf. Kein Ereignis in der Geschichte der Menschheit ist vergleichbar mit dem, was jetzt gerade passiert. Unser Alltag, nein, unser ganzes Leben hat sich um 180° gewendet. Es steht plötzlich alles still, aber trotzdem gibt es ein unglaubliches Durcheinander. Life happens! Diese neue Ordnung verunsichert einerseits, aber sie zeigt uns auch neue Türen und Wege. Die tun sich einfach so auf, ungefragt, sie müssen nur geöffnet und begangen werden. Und das zeigt uns wiedermal, dass wir noch so viele Pläne haben können wie wir wollen, das Leben kommt einfach immer dazwischen. Ich erinnere mich in diesen Tagen oft an die Geschichte meines Opas, wie er nach Vorarlberg kam, warum er letzten Endes überhaupt mein Opa wurde und nicht der eines australischen Kindes.
Mein Opa Rudolf ist Jahrgang 1944. Er kommt aus Velden am Wörthersee in Kärnten. Als
achtes von insgesamt neun Kindern hat er bereits früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und für sich selbst zu sorgen. Nachdem er mit 13 Jahren seine Schulausbildung abgeschlossen hatte, zog er zu seinem älteren Bruder und machte dort seine Tischlehrlehre. Recht früh war da der Drang, Österreich zu verlassen – er wollte andere Länder sehen.
Während dem Bundesheer nahm diese Idee dann zum ersten Mal Gestalt an. Gemeinsam mit einem Kameraden träumten sie in ihren Feldbetten davon, nach Australien auszuwandern. Heute weiß er nicht mehr, wieso sie sich genau für Australien entschieden hatten, aber das hat damals wohl auch keine Rolle gespielt. Sie wollten einfach die Welt sehen. Unterstützung von den Eltern bekam er nicht – sie waren nicht einverstanden und Geld gab es auch keines. An seinem 21. Geburtstag stieg er morgens in den Zug und mit knapp 800 Schilling – das sind umgerechnet 80 Euro – von seinem Vater ging es ins Ländle. Noch von zu Hause aus hatte er sich zuvor um einen Job gekümmert, eine Stellenanzeige für Vorarlberg war der Grund, der meinen Opa in diese Ecke des Landes führte. Vor der großen Reise musste schließlich noch mehr als nur 80 Euro in den Geldbeutel. Die Arbeit als Tapezierer und Bodenleger verschlug Opa Rudi schließlich nach Höchst, wo er im Haus gegenüber einer Großfamilie wohnte. Und wie es das Schicksal wollte, verliebte er sich in die jüngste Tochter Helene, die drei Monate später von ihm schwanger wurde. Noch im selben Jahr heirateten die beiden und sie bekamen ihren ersten Sohn, auf den noch drei weitere Kinder folgen sollten. Als begnadeter Handwerker baute mein Opa ein Haus für seine Familie, in dem er gemeinsam mit seiner geliebten Helene die Kinder großzog.
Viele Enkel später, leben Oma und Opa immer noch am selben Ort. Bis auf ein paar kleinere Reisen in Europa ist er nie viel weiter gekommen. Trotzdem kenne ich ihn als ausgeglichenen und zufriedenen Menschen, der dort, wo er gerade ist, immer glücklich ist. Er liebt es, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und Zeit mit seinen Enkeln zu verbringen. Ich bin froh, dass ihm das Leben dazwischengekommen ist, denn ich kann mir keinen besseren Opa vorstellen. Er ist das beste Beispiel dafür, dass man das Glück nicht immer dort findet, wo man es erwartet. Austria ist sein Australien – das beruhigt mich, wenn ich vor lauter Zukunftspläne vergesse, wo mir der Kopf steht.
Wir brauchen das Gefühl, unser Leben im Griff zu haben. Pläne geben uns Sicherheit. Die Gegenvorstellung – der Kontrollverlust – ist für die meisten von uns ein Albtraum. Doch während wir uns mit all unseren Listen, To-Dos und konkreten Vorstellungen und Zielen für unsere Zukunft, mit all diesen Dingen in Sicherheit wiegen, kommt uns plötzlich und unerwartet das Leben dazwischen. Und unsere Pläne zerplatzen wie eine Seifenblase. Von unserem ersten bis zum letzten Atemzug ist unser Leben abhängig von Dingen, die ohne unsere Einwilligung entschieden werden. Vom Wetter, von der Liebe, von unseren Mitmenschen oder eben von der Gesundheit.
Das Coronavirus hat viele unserer Pläne durchquert. Im Kleinen wie im Großen. Ganz unabhängig davon, müssen wir diese neue Lebenssituation akzeptieren. Was anderes bleibt uns nicht übrig. Das Leben ist nun mal eine Überraschung. Doch die Geschichte von meinem Opa zeigt uns, dass alles aus einem guten Grund passiert und am Ende manchmal (wieder) alles gut wird. Der Gedanke ist tröstlich und hilft durch diese Zeit.
Nachtrag: Erwähnter Kamerad, mit dem die Australienreise geplant war, kam auch nie in Down Under an. Er entschied sich zur Aufbesserung des Reisegelds für einen Zwischenstopp in Schweden – dort blieb er.




